In Österreich waren wir überkorrekt. Nicht aus Tugend – sondern aus Angst. Jede Rechnung doppelt geprüft, jede Frist im Kalender, jede Anfrage ans Amt lieber einmal zu viel gestellt. Und trotzdem, oder gerade deshalb, lebten wir mit einem Fuß in der Unsicherheit. Nicht weil wir etwas falsch gemacht hätten. Sondern weil das Netz so engmaschig war, dass man theoretisch immer etwas falsch machen konnte. Wer so lebt, steht in permanenter Beweispflicht. Man wird nie fertig damit, unschuldig zu sein.
Dann kam Portugal. Wir hatten es nicht gesucht, es hat sich ergeben – und plötzlich war alles anders herum. Wo früher jede Kleinigkeit geregelt war, war hier vieles ungefähr. Keine Bestätigung, kein Stempel, kein „Sie hören von uns“. Für unsere österreichisch geschulten Nerven war das kein Frieden. Es war Alarm.
Ich erinnere mich an Wochen, in denen ich zurück wollte. Zurück in den Käfig, den ich kannte. Ich wollte Ordnung, Rechtssicherheit, ein Papier, auf dem steht, dass alles in Ordnung ist. Ich lag nachts wach mit meinen Was-ist-wenn-Fragen. Was, wenn jemand kommt? Was, wenn jemand fragt? Ich habe damals einen Freund mit diesen Ängsten gequält, einen Portugiesen. Er hörte sich das eine Weile an, dann schaute er mir in die Augen und sagte, fast wütend:
„Ihr Ausländer! Ihr müsst immer so viel reden. Die kommen nicht. Die kommen nur, wenn sie müssen.“
Ich habe diesen Satz damals nicht verstanden. Heute weiß ich: Es ist keine Schlamperei und kein Trick. Es ist eine andere Ordnung.
Das System, aus dem wir kamen, will gefragt werden. Es lebt davon, dass man sich absichert, anfragt, bestätigen lässt. Jede Frage füttert es. Das System hier in Portugal ist wie ein schlafender Hund. Es liegt da, es weiß von einem, und solange kein Grund besteht, hebt es nicht einmal den Kopf. Wer es weckt, um zu fragen, ob es wohl beißen wird, zwingt es zu einer Antwort – und Ämter, die antworten müssen, antworten mit Paragraphen, weil sie nichts anderes haben.
Was heißt das eigentlich – „wenn sie müssen“? Es heißt: Hier führt niemand eine Akte über dich, die eines Tages aufgeschlagen wird. Es gibt keine stille Buchhaltung deiner Fehler. Behörden kommen nicht, um zu kontrollieren – sie kommen, wenn es einen Anlass gibt. Ein Streit, eine Beschwerde, ein Schaden. Solange nichts geschieht, geschieht nichts. Ein anderer Portugiese hat es uns einmal so gesagt: „Wenn du nichts vom System willst, will es auch nichts von dir.“
Einmal stand ich doch vor einem Beamten. Er schaute mich ernst an und begann: „Das Gesetz ist…“ – und dann kam eine Aufzählung, bei der ich kreidebleich wurde. Er sah es, machte eine kleine Pause und sagte: „Aber wir machen es so.“ Und dann machten wir es so. In diesem einen Satz steckt alles: Das Gesetz ist hier kein Schwert, das über einem hängt. Es ist ein Rahmen – und innerhalb des Rahmens sitzen Menschen, die eine Lösung wollen.
An die Stelle der Akten tritt hier etwas anderes: die Nachbarschaft. Sei nett zu deinen Nachbarn. Sei Teil der Gemeinschaft. Hilf, wenn Hilfe gebraucht wird, und nimm Hilfe an, wenn sie dir angeboten wird. Dann gibt es keine Beschwerde, also keinen Anlass, also kein Verfahren. Der Frieden mit den Menschen um uns ist unsere Rechtssicherheit. Er steht nur in keinem Buch.
Das Merkwürdige ist: Die Klarheit, die wir in Österreich gesucht und nie gefunden haben, ist nicht verschwunden. Sie ist nur umgezogen. Dort war das System scharf gestellt und die Menschen blieben unscharf – alles war geregelt, also musste niemand wirklich klar sein. Hier ist wenig geregelt, also muss man klar sein. Ein Handschlag zählt, weil kein Paragraph dahintersteht. Ein Wort gilt, weil es sonst nichts gibt, das gelten könnte. Die Klarheit ist von den Institutionen in die Beziehungen gewandert.
Und noch etwas haben wir erst im Rückblick verstanden: Hätten wir vorher alles gewusst, was wir heute wissen – wir wären nie gekommen. Nicht weil hier etwas falsch wäre. Sondern weil unser altes Warnsystem jede Unwägbarkeit als Gefahr gelesen hätte. Wir hätten eine Risikoliste gesehen, wo in Wahrheit ein Zuhause stand. Wir sind gegangen wie Kinder: Schritt für Schritt, ohne den ganzen Weg zu überblicken. Jeder Schritt war für sich tragbar. Die Summe aller Schritte hätte uns vorher erdrückt. Auch dafür gibt es hier einen Satz: „Der Mutige tut – und erschrickt hinterher.“ Genau so war es. Wir haben getan. Der Schreck kam später, als wir längst hier lebten – und da konnte er uns nichts mehr anhaben.
Manchmal denke ich, wir wurden vor uns selbst bewahrt. Nicht vor Portugal mussten wir geschützt werden – sondern vor unserer eigenen, antrainierten Angst.
Das Nichtwissen war die Lücke, durch die unser Leben schlüpfen konnte.
Inzwischen kennen wir das Ungefähre hier gut. Und wir gehen trotzdem nicht weg. Das ist vielleicht der stillste Beweis, dass die Angst damals gelogen hatte.
Denn das haben wir gelernt, und mehr wollen wir gar nicht sagen: Die Sicherheit lag nie im System. Sie lag immer schon in der Verlässlichkeit zwischen Menschen. Man findet sie nicht in einem Bescheid. Man findet sie in einem Blick, in einem Handschlag, in einem Nachbarn, der fast wütend wird, weil man einfach nicht aufhören will, Angst zu haben.
Die kommen nur, wenn sie müssen. Bis dahin: Lebe.


